Ist eine Nabelschnurblutentnahme sinnvoll?

Das Wichtigste in Kürze

  • Stammzellen aus dem Nabelschnurblut können Leben retten
  • Eine Nabelschnurblutentnahme ist schmerz- und risikolos für Mutter und Kind
  • Es gibt zwei Optionen: Die Spende des Blutes an eine öffentliche Blutbank oder die individuelle Einlagerung bei einer privaten Nabelschnurblutbank
  • Die individuelle Einlagerung ist umstritten, Ärzte empfehlen das Nabelschnurblut zu spenden
  • Wissenschaftler sprechen Nabelschnurblut-Stammzellen für die Zukunft ein großes Potenzial zu, sie könnten bei zahlreichen Therapien zum Einsatz kommen

Um es direkt vorweg zu nehmen: Ja, eine Nabelschnurblutentnahme ist auf jeden Fall sinnvoll! Die Stammzellen, die sich im Blut der Nabelschnur befinden, sind in der Lage, Leiden zu lindern und Leben zu retten. Das Nabelschnurblut ist demnach viel zu wertvoll, um es nach der Geburt einfach zu entsorgen.

Werdende Eltern sollten sich daher durchaus mit der Frage beschäftigen, was mit dem Nabelschnurblut des neugeborenen Kindes geschehen soll. Zwei Optionen stehen derzeit zur Wahl: Die Spende des Blutes an eine öffentliche Blutbank oder die individuelle Einlagerung für die zukünftige Anwendung am Kind selbst.

Die Nabelschnurblutentnahme zum Zwecke einer individuellen Einlagerung ist nicht unumstritten. Während die privaten Nabelschnurblutbanken werdenden Eltern die Einlagerung quasi als biologische Lebensversicherung für das eigene Kind anpreisen, stehen Ärzte und Hebammen diesem Prozedere oftmals eher kritisch gegenüber. Eine Spende des Nabelschnurblutes hingegen wird durchweg positiv gesehen.

Aber weshalb werden die Einlagerung und die Spende derart unterschiedlich bewertet? Bin ich egoistisch, wenn ich das Nabelschnurblut meines Kindes nicht spende, sondern mich für eine individuelle Einlagerung entscheide? Und ist es überhaupt gut, das Baby für die Nabelschnurblutentnahme frühzeitig abzunabeln? Wäre das Auspulsieren der Nabelschnur nicht besser für mein Kind? Diese und weitere Fragen stellen sich vermutlich alle werdenden Eltern, die eine Nabelschnurblutentnahme in Erwägung ziehen.

Grundsätzlich gilt: Auch wenn eine Einlagerung des Nabelschnurblutes bei einer privaten Nabelschnurblutbank derzeit nicht unumstritten ist, heißt das noch lange nicht, dass eine solche Einlagerung nicht sinnvoll ist. Zumindest handelt es sich hierbei um eine Investition in die Zukunft des eigenen Kindes – wenngleich zum jetzigen Zeitpunkt kaum absehbar ist, ob die Investition rentabel sein wird. Dennoch: Die Chance, dem eigenen Kind womöglich irgendwann einmal mit Hilfe der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut das Leben zu retten, macht eine Einlagerung für viele werdende Eltern attraktiv.

Zwischenfazit

Eine Nabelschnurblutspende kann Leben retten. Eine Nabelschnurblutentnahme ist daher auf jeden Fall sinnvoll! Das individuelle Einlagern des Nabelschnurblutes bei einer privaten Nabelschnurblutbank hingegen ist ein kontrovers diskutiertes Thema – mit vielen Befürwortern, aber eben auch vielen Gegnern. Werdende Eltern sollten sich am besten frei von diesen hitzigen Diskussionen machen und für sich selbst das Für und Wider abwägen. Und vor allem sollten sie sich vor Augen führen, dass eine private Einlagerung mit Egoismus nichts zu tun hat. Jeder hat das Recht, für das eigene Baby vorzusorgen!

Aber welche Chancen bietet eine Einlagerung überhaupt? Was spricht dafür, was dagegen?

Pro Argumente

  • Die Gewinnung von Nabelschnurblut ist weder für die Mutter noch für das Kind mit Belastungen, Schmerzen oder Risiken verbunden.
  • Die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut können unter Umständen der ganzen Familie helfen.
  • Nabelschnurblut ist nahezu völlig unbelastet von Viren und Tumorzellen.
  • Stammzellen aus dem Nabelschnurblut gelten als sehr gut verträglich, die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger müssen nicht zu 100% übereinstimmen.
  • Die Stammzellen verfügen über ein hohes Vermehrungspotenzial.
  • Die Stammzellen verfügen über ein hohes Differenzierungspotenzial.
  • Die Stammzellen sind in der Regel sofort verfügbar und einsetzbar.
  • Die Nabelschnur wird nach der Entbindung entsorgt. Ethisch ist die Isolation von mesenchymalen Stammzellen daher nicht fragwürdig.

Contra Argumente

  • Nabelschnurblut ist nur stark begrenzt verfügbar, da es nur bei der Geburt gewonnen werden kann.
  • Stammzellen aus dem Nabelschnurblut gehen im Vergleich zu Knochenmark-Stammzellen mit einer längeren Aplasie-Phase bei der Blutbildung einher. Die Phase, in der nach einer Transplantation die alten Stammzellen nicht mehr und die neu übertragenen noch nicht in der Lage sind, Blutzellen zu bilden, ist also länger.
  • Ob die Nabelschnurblut-Präparate auch nach Jahrzehnten noch brauchbar sind, kann mangels Erfahrung nicht mit Gewissheit gesagt werden.
  • Bei einer Nabelschnurblutentnahme ist ein Auspulsieren der Nabelschnur nicht möglich.
  • Stammzell­trans­plantationen werden bei kleinen Kindern meist zur Behandlung von Blutkrebs oder Erbkrankheiten durchgeführt.
  • Eigenspenden sind hierbei jedoch selten hilfreich, weshalb Ärzte eher davon absehen.
  • Es sind hohe Personalressourcen für die Einlagerung notwendig.
  • Eine Einlagerung ist für die Eltern mit hohen Kosten verbunden.

Sollten Sie sich gegen eine private Einlagerung entscheiden, ist es auf jeden Fall sinnvoll, das Nabelschnurblut zu spenden!

Das sagen die Ärzte

Wie bereits erwähnt ist die Einlagerung des Nabelschnurblutes bei einer privaten Nabelschnurblutbank vor allem bei Ärzten umstritten. Während die Firmen, die eine individuelle Einlagerung anbieten, damit werben, dass Nabelschnurblut die Gesundheit der eigenen Kinder sichern könne, halten viele Ärzte dagegen, dass der Nutzen einer Aufbewahrung der Stammzellen für das eigene Kind derzeit noch nicht ausreichend geklärt sei. Die Ärztekammer schreibt hierzu in ihren Richtlinien: „Für die Aufbewahrung von Nabelschnur-Präparaten zur späteren Eigenbehandlung ist zurzeit keine medizinische Indikation bekannt. Sie ist daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht notwendig“.

Generell gilt jedoch: Stammzellen aus dem Nabelschnurblut teilen sich besser als Stammzellen, die von Erwachsenen gewonnen werden. Für Behandlungen braucht man deshalb nur etwa 1/10 der Menge. Sie gelten auch als sehr gut verträglich, da ihre Abwehrzellen des Immunsystems noch nicht ausgereift sind. Daher müssen die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger auch nicht zu 100% übereinstimmen. Es wird sich also sicherlich kein Arzt grundsätzlich gegen eine Nabelschnurblutentnahme aussprechen. Die Empfehlung der meisten Ärzte lautet, für eine öffentliche Nabelschnurblutbank zu spenden. Eine individuelle Einlagerung indessen ist unter Ärzten umstritten und dürfte dies wohl auch in näherer Zukunft (noch) bleiben.

Einigkeit herrscht derzeit also lediglich darüber, dass Nabelschnurblut ein wertvolles Gut ist. Denn bereits heute sind die aus dem Nabelschnurblut gewonnenen Stammzellen in der Lage, Leben zu retten. In Zukunft sollen diese Stammzellen bei zahlreichen weiteren Therapien zum Einsatz kommen. Allerdings sind die Forschungen hierzu noch (lange?) nicht abgeschlossen. Zwar sprechen Wissenschaftler den Nabelschnurblut-Stammzellen ein großes Potenzial zu, derzeit sind sie jedoch nur begrenzt einsetzbar.

Das kann Nabelschnurblut derzeit noch nicht

1. Zur Behandlung von Leukämien bei Kindern kann Nabelschnurblut nicht eingesetzt werden.
Blutkrebs entsteht durch eine Anhäufung von Gendefekten. Diese Gendefekte haben oft einen frühen Ursprung. Der Fetus im Mutterleib kann bereits betroffen sein. Ärzte vermeiden es daher, Blutkrebs bei Kindern mit dem eigenen Nabelschnurblut zu behandeln.

2. Eine Heilung von Erbkrankheiten ist nicht möglich.
Die Stammzellen des Nabelschnurblutes tragen das gleiche Erbgut wie alle anderen Körperzellen, also auch vererbte Mutationen und Defekte. Für die Behandlung von Erbkrankheiten eignen sie sich daher nur bedingt und höchstens in Kombination mit einer Gentherapie.

3. Nabelschnurblut kann nur bedingt für Erwachsene eingesetzt werden.
In der Nabelschnur ist zu wenig Blut, um Erwachsene effektiv damit zu behandeln. Bei Erwachsenen ist daher meist noch eine zusätzliche Spende notwendig (Tandem-Transplantation).

Das kann Nabelschnurblut künftig vielleicht

1. In Zukunft kann Nabelschnurblut womöglich auch zur Behandlung von Erwachsenen eingesetzt werden.
Forscher arbeiten daran, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut im Labor so zu vermehren, dass eine einzelne Spende auch einen Erwachsenen erfolgreich behandeln kann.

2. In Zukunft kann Nabelschnurblut womöglich Erbkrankheiten heilen.
In Deutschland wurde 2016 erstmals eine Gentherapie zugelassen, die mit Hilfe veränderter Blutzellen schwere Immunschwächen heilen kann. Bei der sogenannten Strimvelis könnte auch Nabelschnurblut zum Einsatz kommen. Weitere Gentherapien, die mit Hilfe von Nabelschnurblut Erbkrankheiten heilen können, könnten bald folgen.

3. In Zukunft soll Nabelschnurblut bei vielen neuen Therapien zum Einsatz kommen.
Die Einsatzmöglichkeiten der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut werden derzeit in zahlreichen Studien erforscht. Fast alle Studien sind noch in einem frühen Stadium, Ausgang ungewiss. Große Hoffnungen werden jedoch in die Behandlung von frühkindlichen Hirnstörungen (Zerebralparese) gesetzt.

Komplikationen bei Stammzell-Transplantationen

Generell gilt bei allen Transplantationen: Je ähnlicher das Gewebe von Spender und Empfänger, desto besser die Chance, dass beim Empfänger keine Komplikationen in Form von Abstoßungsreaktionen auftreten. Stammzellen, die aus dem Nabelschnurblut entnommen werden, gelten jedoch auch bei Fremdspenden als sehr gut verträglich. Ihre Immunzellen sind noch unreif, mögliche Abstoßungsreaktionen fallen dadurch geringer aus.

Abgesehen davon haben aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen aufgrund der Plazentaschranke ein geringes Risiko für bakterielle und virale Infektionen. Alles in allem sind Nabelschnurblut-Stammzellen daher in der Regel gut verträglich.

Fazit

Eine Nabelschnurblutentnahme zum Zwecke einer Spende an eine öffentliche Blutbank ist definitiv sinnvoll. Die private Vorsorge mit Nabel­schnur­blut hingegen bleibt derzeit eine Spekulation auf die Zukunft. Wenn der medizinische Fortschritt hält, was er verspricht, könnte sich eine individuelle Einlagerung jedoch als sinnvoll erweisen.


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